Merle hat ADS – „Keine Zeit für Träume“

„Merle hat ADS. In Deutschland sind 2 Millionen Kinder davon betroffen, viele wissen es gar nicht. Kinder mit ADS sind ausgesprochen aufnahmefähig. Kinder wie Merle können eine Menge von Informationen gleichzeitig aufnehmen. Die Fülle an Informationen braucht ein Mehr an Zeit, um sie zu verarbeiten, sie erscheinen langsam und unter Zeitdruck, gelingt ihnen die Verarbeitung der Informationen nur unvollständig. Es scheint, als ob ihnen die Kraft zum fokussieren fehlt. Stellen sie sich eine Mathematikaufgabe wie einen Gang vor, Merle soll die Rechenaufgabe innerhalb von 20 Minuten lösen. In dem Gang gibt es rechts und links Türen, Merle geht nicht den direkten Weg, sie läuft von Tür zu Tür, sie kann sich nicht so gut auf einen Punkt konzentrieren und braucht in vielfaches der Zeit, um die Aufgabe zu lösen.“

So etwa der Wortlaut im Spielfilm der ARD – „Keine Zeit für Träume“, der am Mittwochabend zum Thema ADS lief. Die Eltern gehen mit einer Empfehlung für eine multimodale Therapie nach Hause und natürlich lehnen die Eltern die medikamentöse Komponente der Therapie ab, weil sie fürchten, dass das Medikament zu sehr die Persönlichkeit ihres Kindes verändert.

Ja, was erwartet man von einer medikamentösen Behandlung? Alles soll so bleiben, wie es ist? Wieso dann die Therapie? Das ist etwa das Dilemma, in dem sich die Eltern im Spielfilm und noch viel mehr in der Realität befinden. Der Film thematisiert die Skepsis vieler Eltern, deren Kinder auf ADS oder ADSH hin getestet wurden. Eltern die nach langen Wartezeiten und einem Ritt von einem Experten zum anderen, mit bangen Erwartungen hoffen ihrem Kind die richtige Unterstützung zukommen zu lassen.

In Deutschland gibt es kein feinmaschiges Netz von ADS/ADSH-Ambulanzen. Vom Erstgespräch in der Schule, über den Kinderarzt, der Diagnostik, bis hin zur ersten Therapiestunde können schnell gut mehr als 9 Monate vergehen. Zeit die nicht verstreichen müsste, wenn mehr Kinderärzte entsprechend qualifiziert wären, es einen Schnelltest gebe und mehr ADS/ADSH-Ambulanzen.

„Ich hab ein Problem, ich habe depressive Episoden, aber ich nehme das Antidepressivum nicht, weil es mich verändert!“ Das ist die Krux, quasi der Hammelsprung den Patienten und auch Eltern von Kindern mit ADS/ADSH vollziehen. Natürlich verändert ein Medikament den Menschen, insbesondere wenn es darauf ausgerichtet ist eine Verhaltensweise zu beeinflussen, ansonsten wäre der Einsatz ja auch unsinnig. „Ich will die Depression los werden, aber das Medikament soll mich nicht verändern!“

Der Film (Filmkritik in der FAZ, hier) beginnt mit dem Elterngespräch in der Schule und der Empfehlung die Tochter, wegen ihrer Leistungsschwäche aus der Schule zu nehmen. Im Spielfilm eskaliert die Situation, das ganze Familiensystem leidet, letztendlich wird eine zweite Meinung eingeholt, die letztendlich die Erste bestätigt. Die medikamentöse Behandlung wird mit der Verordnung einer Brille verglichen. Am Ende bleibt offen, ob die Eltern das Rezept einlösen und es Merle mit dem Therapiekonzept gelingt leistungsfähiger zu werden. Der Film berührt, aber er bleibt an der Oberfläche, arbeitet mit Klischees, ob er das Thema damit wirklich im Sinne der Kinder voran bringt bezweifele ich. Schon das Bild mit dem Gang offenbart die Krux beim Verständnis der Verhaltensauffälligkeit.

Bei allem bleibt trotzdem die Frage, ob ein Kind, das wie beschrieben seine Welt erobert und ergreift tatsächlich als gestört beschrieben werden sollte.
Ist ADS eine Störung oder eine Normvariante? Ein Blick in die Geschichte dieser Verhaltensauffälligkeit oder Störung zeigt, der Formenkreis ist seit über 100 Jahren bekannt und keine Erfindung der letzten 20 Jahre, auch wenn ADS und ADSH in aller Munde ist. Man könnte meinen, mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht tritt auch dieses Störungsbild auf. Sind solche Teilleistungsstörungen dann eventuell Teil des Systems Schule. Schon damals, in den Anfängen, wurde angenommen, dass es sich dabei um eine primär somatisch und keine rein psychisch begründete Störung handelt.

Das Merle so denkt, d.h. die Welt so wahrnimmt, also von Tür zu Tür geht ist ihre Art die Welt wahrzunehmen. Heute gibt es Ansätze und Forschungsergebnisse, die im Film „Keine Zeit für Träume“ nicht angesprochen wurden und einen ganz anderen Zugang zu der „Störung“ ADS offenbaren. Basierend auf den Beobachtungen von Jeffrey Freed in den 90. Jahren wird davon ausgegangen, dass Kinder mit ADS eine Rechtshirndominanz aufweisen. Was heißt das? Während der Entwicklung des Gehirns, entscheidet sich nicht nur, ob wir linkshändig sind, mit dem rechten oder linken Auge durchs Schlüsselloch schauen, oder mit dem rechten Fuß abspringen. Die Expression dieser Präferenzen ist nicht ohne genetischen Einfluss.

Es gibt Kinder mit einer ausgesprochen eindeutigen Rechtshirn- oder Linkshirndominanz. Sie unterscheiden sich in der Art, wie sie die Welt wahrnehmen, wie sie die Informationen verarbeiten und wie sie Lösungen finden. Hat Merle eine Rechtshirndominanz? Im Film wurde nicht gezeigt, wie Merle denkt, es wurden nur die Defizite dargestellt, die Träumereien.

Doch Merle kann nicht, nicht denken. Merle denkt, denkt anders, aber wie?
Denkt Merle visuell?  (Folgender Text stammt aus dem Netz, hier)

Dies bedeutet, dass die rechte Gehirnhälfte stärker aktiviert ist als die linke. Daraus ergibt sich ein visueller Wahrnehmungsstil. Rechtshirndominante Kinder denken räumlich und dreidimensional, speichern Informationen quasi in Bildern und haben sofort ein Bild vor Augen, wenn sie sich an etwas erinnern.
Die Informationsverarbeitung ist intuitiv und weniger logisch als bei Kindern mit Linkshirndominanz. Deshalb sind rechtshirndominante Kinder auch eher unorganisiert (bis chaotisch), impulsiv und haben Schwierigkeiten bei der Einhaltung von Regeln, sind dafür aber in der Lage, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Oft ist es geradezu erforderlich, dass sie sich in Bewegung befinden, um aufmerksam sein zu können und Neues aufzunehmen! Sie sehen das Ganze und gehen erst dann ins Detail, während „Linkshirner“ sich von Einzelinformationen zum Ganzen vorarbeiten. Letztere profitieren von Schritt-für-Schritt-Anleitungen und lernen durch Versuch und Irrtum (z. B. beim Erlernen des Radfahrens), während „Rechtshirner“ am besten mit Abbildungen klarkommen und sich neue Fertigkeiten am leichtesten dadurch aneignen, indem sie anderen dabei zusehen. Rechtshirndominante Kinder sind sehr kreativ und oft ausgesprochen musisch oder künstlerisch begabt. Spätestens in der Schule, die eher eine Welt der Worte denn der Bilder ist und Informationen überwiegend akustisch vermittelt (also vorwiegend dem Wahrnehmungsstil linkshirndominanter Kinder entspricht), haben „Rechtshirner“ häufig mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Da sie außerdem sozusagen „auf allen Kanälen“ hypersensibel sind und weil Berührungsreize, optische und akustische Reize ungefiltert auf sie einströmen, werden sie von der sprichwörtlichen „Fliege an der Wand“ abgelenkt und können sich dann nicht mehr konzentrieren.

Stellen Sie sich vor, sie würden ein Kind mit Linkshirndominanz zum Therapeuten schicken und ihn auffordern, auf dem Weg durch den Gang, nicht direkt zum Ziel zugehen, sondern jede Tür rechts und links des Gangs zu öffnen. Niemand würde auf die Idee kommen, das von einem Kind zu  verlangen, aber das genau verlangen wir wohl von Kindern, wie Merle!

Tom entspricht dem leistungs- und ergebnisorientierten Lernen der Schule, Merle sieht das Ganze, den Prozess und kommt zu ganz anderen Lösungen, sie will quasi auf dem gebogenen Lichtstrahl reiten. Absurd? Nein, ganz bestimmt nicht nur eben eine ganz andere Art die Welt zu erleben. Weder Tom noch Merle ist gestört, sie sind anders und erbringen andere Leistungsprofile.

Heute, am Donnerstagmorgen wird es in den Kinderarztpraxen Deutschlands wahrscheinlich nur ein Thema geben: Hat mein Kind ADS? „Fabian kann sich auch nicht so gut konzentrieren und in seinem Zimmer sieht es auch aus, wie beim Hempels unterm Sofa. Könnten sie ihn mal testen?“ Und was kommt dabei heraus, das Kind wird getestet und ist hochbegabt hat eine IQ von 135, aber denkt nicht lösungs- und ergebnisorientiert.

Wie denkt eigentlich Merle, Tom und Fabian oder denken die gar nicht? Nein sie denken, sie können nicht, nicht denken und wahrnehmen. Kann ein staatlich gesteuertes Schulsystem das nicht integrieren? Könnte es sein das Schule das Denken eindimensional, linkshirndominiert formatiert? Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

Merle spielt kein Instrument. Wieso nicht? Da kann man auch von Tür zu Tür gehen, von Ton zu Ton, eine Partitur zu spielen verlangt den Prozess zu verstehen, auch umzudrehen, zu wiederholen und nicht auf dem direktesten Weg zum letzten Satz zu gelangen, quasi die ganzen Türen/Töne rechts und links zu überspringen.

Das folgende Bild zeigt wie Hilfe aussehen könnte. Zu kompliziert? Oder auch ein klassisches Beispiel für einen Entwickler einer Lösung mit Rechtshirndominanz, aber zielführend und hilfreich, lesen sie selbst (hier). Einer mit Linkshirndominanz würde so ein Bild sicherlich nicht im Erstimpuls entwerfen. (Smile)

https://i0.wp.com/www.terrapie.de/assets/images/ads-eltern.gif

Was hilft? Wenn ich mit diesem Artikel aufgeklärt habe, können Sie sich die Frage gut selbst beantworten, andernfalls habe ich Sie mit der Informationsflut verwirrt.

Warum sollte ADS nicht eine Normvariante sein? Wie könnte eine Lösung aussehen? Wie könnte man die vermeintlichen Defizite, die Unvereinbarkeiten kompatibel machen? Schwächen und Stärken ausgleichen? Multimodal, medikamentös und verhaltenstherapeutisch unterstützt? Ein Instrument lernen, um die Konzentration zu steigern, ist immer ein Gewinn für das Kind und das System.

Erzählen Sie, kommentieren Sie und hören Sie nicht auf Fragen zu stellen!

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It’s the teacher that makes the difference …

„It’s the teacher that makes the difference, not the classroom“

Is this true? Der britische Pädagoge und Kinderbuchautor Michael Morpurgo wird mit dieser Aussage zitiert und ich füge dem ein ergänzendes Fragezeichen hinzu. Grundsätzlich stimme ich seiner Aussage zu und relativiere sie nur dahin gehend, du kannst den Raum gestalten, aber den Charakter des Lehrers nicht. Wo ist die Stellschraube für die Feineinstellung? Methoden- und Fachkompetenz sind das eine, aber das alleine macht noch keine gute Lehrerpersönlichkeit aus. Schüler lernen von Meistern, von Vorbildern, von Brillanz, je besser die Qualität desto überzeigender. Was sind die Faktoren für meisterhaften Unterricht? Wie funktioniert brillante Lehre?

Wer vermittelt Handlungs- und Lösungskompetenz, wer Prozesskompetenz?

Liebe Leser, wie sehen Sie das, als Eltern, als Mutter und als Vater?
Wie sehen ihre eigenen Lernerfahrungen aus?
Es heißt: Der Raum als dritter Pädagoge; und seit dem Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends rückt diese Erkenntnis mehr und mehr in den Fokus der Lernforschung.

Kreativität und Lösungskompetenz werden bei Schülern gesteigert, wenn sie selbst bestimmt entscheiden in welcher Haltung und wie sie dem Unterricht folgen, ob im Sitzen oder im Stehen, mit und an in der Höhe verstellbaren Tischen und Stühlen. Die Infrastruktur als Abbild einer Lernarchitektur, belastbar, flexible, gesundheitsfördernd, vielfältig. Das multifunktionale Klassenzimmer. Es kann auf unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler und Lehrer antworten. Lehrer fungieren in solch einer multifunktionalen Konstellation nicht als Dompteur der Schüler, sondern als Initiator von Neugierde und Lösungskompetenz. Der Schüler wird zum cokreativen Partner im Bildungsprozess, nicht zum leeren Gefäß, welches mit Wissen abgefüllt wird.

Schüler und Lehrer brauchen keine Klassenzimmer, sowenig wie Schüler Lehrer. Was Schüler brauchen sind brillante Meister ihres Faches, Talente, die Wissen aus Leidenschaft vermitteln können. Sie wollen wissen ob der Lehrer/in gut ist, dann fragen sie sie nach ihrem Talent. Schüler brauchen Lehrer/in mit Talent und sie brauchen Werkstätten, Ateliers des Lernen, keine Stuhlreihen, wo sie aufgereiht abgesetzt werden, keine Tische, die wie Barrikaden zwischen Lehrer und Schüler aufgestellt werden. Wieso haben Leher keinen festen Arbeitsplatz, was für einen Nährwert hat das Klassenzimmerhopping? Lehrer verdienen einen festen Arbeitsplatz, ihren festen Schreibtisch, Lernpult, der den Ankerplatz, den Mittelpunkt der Lernarchitektur kennzeichnet, um die sich die Schüler selbstbestimmt ausrichten.

Die Schule der Zukunft braucht Lernräume, die nicht, wie am Fließband die handelnden Personen aufteilt, sondern kollaborativ, kommunizierende verbindet.

Lehrer sind nicht mehr Pauker, die Schüler drillen, Lehrer zeigen Wege auf, stellen Frage und Schüler erwerben Wissen, üben es ein und machen es sich zu eigen. Sie lernen von Könnern, von Experten, von Talenten!

Leider werden die neuen Ideen zur Lernarchitektur nur zögerlich aufgriffen. Auch deshalb, weil Lehrer über kein eigenes Budgets verfügen und die Einrichtung und Ausstattung der Klassenzimmern von Verwaltungsfachleuten in den Gemeinden bestimmt wird. Denn in unserm System ist die Kultusbehörde nur für die Lehrer und das Curriculum, aber nicht für die Ausstattung der Schulen zuständig. Es gibt keine Standards, keine Leitbilder, für die lerngerechte Ausstattung eines Klassenzimmers.

Wie wichtig ist die Umgebung beim Lernen? Untersuchungen an der LMU in München haben den Zusammenhang zwischen Lernumgebung und Lernerfolg in einer Studie nachgewiesen.

Recht hat Morpurgo (homepage) -, alles entscheidet sich an der Lehrerpersönlichkeit, aber was, wenn wir nicht mehr die Wahl haben, dann wird wichtig auf welchem „Nährboden“ Lehrer und Schüler lernen. Für mich heißt das: Schafft kreative Lernräume, statt Schüler und Lehrer nur ein Dach über dem Kopf anzubieten, mit Sitzgelegenheit.

Im besten Interesse des Kindes – Was heißt das?

Wie ein Kind lieben? Fragt Janusz Korczak (1879 -1942), geprägt von seinen Erfahrungen als Kinderarzt in Warschau schreibt er Kinderbücher und die ersten Elternratgeber. Sein Bild vom Kind, seine Haltung gegenüber Kinder und seine Forderung nach eigenen Kinderrechten wird erst in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts verwirklicht, er ist da schon lange Tod. 
 
  1. Das Recht des Kindes auf seinen eigenen Tod
  2. Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag
  3. Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist.“
    aus Wie man ein Kind lieben soll [1967 Deutsch] S. 40

 

Haben Sie heute schon ihr Kind gelobt?

„Haben Sie heute schon ihr Kind gelobt?“, so lautete eine Kampagne des Kinderschutzbundes in den 1980 Jahren. Die Frage schmückte als Autoaufkleber die Heckscheibe. Die Kampagne wollte das Mitgefühl von Eltern für ihre Kinder stärken. Seit dem sind viele Jahre vergangen und viele Ratgeber für Eltern füllen die Buchläden zum Thema “ Lob und Tadel“. Wir alle sind für Kinder. Das Internet ist voll mit unzähligen Angeboten, nie gab es so viele Helfer und niemand ist mit schlechten Absichten unterwegs. Experten wie u.a. Jesper Juul und Emmi Pikler bestimmen die Themen. Eltern wollen das Beste für ihre Kinder, wollen dass es ihren Kindern einmal besser gehen möge als ihnen selbst. Der Blick auf die eigenen Erziehungsmaxime wird von den Erfahrungen mit den eigenen Eltern bestimmt.

Die überwiegende Mehrheit der Kinder erleben ihre Eltern als zu streng und häufig als ungerecht. Eltern selbst meinen sie seien oft zu nachgiebig und es fehle ihnen an der nötigen Konsequenz. Eltern wollen fördern und fordern, stärken und unterstützen. Vielleicht sind Sie mit dem Grundsatz aufgewachsen „nicht gemeckert ist genug gelobt“? Die einen sagen, unsichere Eltern brauchen Ratgeber und sichere nicht. Gründe für die Verunsicherung sind die vielfältigen Anforderungen an unsere Kinder. Die Kinderwelten haben sich verändert, was sich einst auf 2-5 km² abspielte, ereignet sich heute im globalen Kontext. Ob in der Summe die Anforderungen an die Kleine die gleichen geblieben sind und sich nur die Inhalte geändert haben ist ein weites Feld.

Der Tenor der meisten Ratgeber spannt einen Bogen von „Kinder brauchen Grenzen“ bis hin „Kinder sind ihres eigenen Glückes Schmied“. Viele Fragen, viele Experten. Die Entdeckung der Kindheit zieht einen Kondensstreifen an Helfern nach sich. Wer ist hier bedürftig? Was brauchen die Eltern, was die Kinder? Sind Rezepturen wie: 5 Sätze die jede Mutter/ jeder Vater zu seinem Kind sagen sollte, wirklich hilfreich oder nur einfach ein guter Werbetrick? Weil so einfach und eingängig? Mit Kindern leben heißt dicke Bretter bohren, geduldig sein und was noch…..? Schon in den 1920 Jahren gab es Mütterschulen, heute sind es Elternschulen die mit Seminaren für Eltern aufwarten. Eltern und Kinder zwischen Therapie und Coaching. Kommunikation ist alles. Was sind die kurz-, mittel- und langfristigen Effekte? Erziehen heißt Erfahrungen machen und mit den unterschiedlichen Ergebnissen lernen umzugehen. Das Wie entscheidet und nicht das Was!

»Eltern wissen oft nicht mehr, wie sie sich adäquat verhalten sollen. Stellen sie die Schule in den Vordergrund, leidet die Beziehung zu ihren Kindern. Kümmern sie sich nur um die Beziehung, kommt die Schule zu kurz.«

Was ist mein Erziehungsstil, was ist mein Selbstverständnis als Mutter und Vater, was habe ich selbst für Bedürfnisse, wie will ich meinem Kind begegnen? Antwort die vielleicht in Ratgebern zu finden sind. Antworten die jedes Elternteil selbst herausfinden wird. Kinder fragen nach Antworten.

Hilfreich ist auch ein Blick zurück in die eigene Kindheit, wie habe ich das erlebt, als ich 7, 10 oder 14 Jahre alt war? Woran erinnere ich mich, was hat mir geholfen und was hat mich verschreckt?

Fünf Sätze: Was fällt Ihnen dazu ein?

  1. Ich Liebe dich.
  2. Ich bin stolz auf dich.
  3. Erzähl mir davon.
  4. Lass dir von niemanden einreden, das kannst du nicht.
  5. Frag mich, wenn ich dir helfen soll!

Auffälliges Kind? Sind Sie auch schon einmal aufgefallen?

via @Jesper Juul

Stimmt dieser Satz? Auffälliges Kind? Sind Sie auch schon einmal aufgefallen? Ich hoffe es für Sie!

Mir fällt da eine Geschichte ein: Ich wurde im Frühjahr von einer Kindergartenleiterin gefragt, ob ich mir nicht einmal ein Kind anschauen könnte, ein Kind über das die Erzieher oft sprechen, weil es auffällt. Der Junge, 4 Jahre alt sei aggressiv, würde die anderen Kinder immer wieder beißen und verletzen. Ein Hooligan?, fragte ich mich und habe mich an einem Vormittag eine Stunde ins Außengelände der Kita gesetzt und die Kinder und den Bub beobachtet. Was soll ich sagen, ein Alpha-Typ, der jeden wegbeißt der ihm ins Gehege kommt, der eine klare Vorstellung hat, der seine Ziele sieht und sie verfolgt. Der nicht daneben steht und zuschaut, wie so manches Häschen – kurzum ich beobachtet einen Auffälligen, einen von den Erziehern markierten Bub und sah 20 unauffällig. Ich fragte mich, sollten wir uns nicht um die anderen kümmern? Wieso sie daneben stehen, sich nicht trauen auf den Ball zu dreschen, oder ihr Spiel durch zu ziehen?

Auffälligkeit entsteht im Auge des Betrachters. Was haben wir erkannt, was gesehen – haben wir den Durchblick? Keinen Blick für den anderen zu haben, bedeutet nichts für ihn zu empfinden, er/sie fällt uns selbst nicht auf und es fällt uns nicht auch nichts dazu ein. Kinder SIND NICHT! Kein Kind ist, mehr oder weniger auffällig – es ist was es ist. Ein sich selbst verwirklichendes Individuum, auf der Suche nach Lebenslust. Kinder kooperieren und gestalten, sich einbringen und teilhaben. Was können sie nicht alles aus einer Klopapierrolle machen?!

Was bemerken wir, wenn wir hinschauen? Wir erkennen das, was in uns resoniert. Wenn wir was bemerken, dann weil es zuvor gemerkt wurde, in uns, wie ein Blaupause existiert. Können wir das Gegenteil denken, von dem was wir sehen? Das ist auf jeden Fall die Voraussetzung dafür aus der Beobachtung mehr zu machen, als eine Bestätigung von Vorurteilen.

Wenn wir beobachten, wo schauen wir hin? Sehen wir alles? Was fällt uns schon auf – die Talente der Kleinen, aber auch nur wenn wir einen Blick für Talente haben? Kennen wir denn unsere eigenen Talente? „Du siehst nur, was du kennst!“

Darum sind eine „second opinion“ und das Co-Therapie/Beratungs-Modelle so wichtig und notwendig. Verlass dich nicht auf eine Meinung, sagt mir meine Großmutter schon in Kindertagen, weil ich in der Schule auffällig wurde.
Ein Test, ist ja auch kein Test! Doch wir sind nicht bereit dafür die nötigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Lieber alles simplifizieren, besser eindimensional – wieviel Unsinn in der Diagnostik gemacht wird, offenbart sich, wenn die Meinung eines Zweiten eingeholt wird.

Mir graut vor den ganzen Privatpraxen und den einsamen Cowboys/girls! Standard sollte sein, bevor wir ein Kind diagnostisch erfassen, dass zwei unabhängige Meinungen eingeholt werden. Das Intake-Verfahren sollte das berücksichtigen, bevor wir ein therapeutisch-pädagogisches Konzept auf ein Kind niederprasseln lassen und es mit unserer Fixierung stigmatisieren. Wir haben zwei Augen und fünf Finger und nicht ein Auge und einen Finger – wie sollten wir auch begreifen können, was ist, wie es ist! Oder?

Sagen Sie mir Ihre Meinung dazu!

mehr Fühlen

  • Was sollten wir fühlen, wenn wir fühlen?
  • Was machen, wenn mir übel wird vom Fühlen?
  • Was fühlen Männer, wenn sie schweigen?
  • Was fühlen Frauen, wenn sie sich in Rage reden?
  • Können wir nicht fühlen?
  • Was wenn ich nichts merke, fühle ich dann auch nichts?

Jesper Juul: Eigenverantwortung

Wie können wir die Eigenverantwortung unserer Kids stärken?

Weshalb ist es für Eltern so schwierig zwischen Macht und Verantwortung zu unterscheiden?

Folgendes Interview, mit dem von mir sehr geschätzten Jesper Juul, gibt meines Erachtens plausible Antworten auf die beiden Fragen.

Jesper Juul lenkt die Aufmerksamkeit wieder einmal auf unsere innere Haltung, d.h. wie wir unserem Kind begegnen. Die Fragen sind Eltern vertraut, denn wir stellen sie uns jeden Tag auf das Neue. Wir werden immer wieder im Alltag aufgefordert hierzu Stellung zu beziehen. Eltern wollen ihre Kinder schützen, wollen, dass es ihnen besser geht, als es ihnen ergangen ist. Viele Eltern gehen davon aus und wer klennt das nicht, dass bestimmte Entwicklungen in bestimmten Zeitfenstern stattfinden muss. Dieses „Müssen“ kann dann schnell in ein „Zwingen“ münden, in ein Gehetztsein, indem die Kinder und auch die Eltern die getrieben sind. Oft genug endet das in Überforderung und Blockade.

(full Text via familylab.de)

Jesper Juul:
Ich wurde mal von einer Mutter konsultiert, die mir dann schlichtweg sagte: „Was in ihrem Buch steht, ist nicht richtig! Sie müssen das korrigieren! Wir haben einen neunjährigen Jungen und wir müssen jedes Mal mit ihm kämpfen, damit er ins Bett geht, um am nächsten Tag ausgeschlafen in die Schule zu gehen. Und dann habe ich ihr Buch gelesen, in dem steht, dass wir den Kindern die Verantwortung überlassen sollten, wann sie ins Bett gehen und wie viel sie essen wollen. So haben wir beschlossen, dass wir es ihm überlassen, wann er sich schlafen legt, wenn wir in unserem Wochenendhaus sind – in den Ferien oder am Wochenende. Aber auch da geht er nicht vor zwei oder drei Uhr in der Früh ins Bett – also es funktioniert nicht!“
So wie diese Mutter denken die meisten Menschen über die Verantwortung nach. Aber die persönliche Verantwortung ist nicht etwas, was man dem Kind manchmal einräumt und manchmal nicht! Entweder hat es sie oder es hat sie nicht! Der kleine Junge kann sie nicht nur am Wochenende haben und den Rest der Zeit nicht. Denn so wird aus Verantwortung Macht.

Für mich war es wesentlich und wirklich ein großes Geschenk, das mir meine Mutter gemacht hat – bestimmt aus Versehen, denn sie hat, wie alle Mütter aus der Zeit, an strikte Regeln geglaubt: Als ich mit 13-14 Jahren anfing, auszugehen, sagte mir meine Mutter: „Komm nicht zu spät nach Hause!“ – Sie ließ mir also den Raum, zu entscheiden, wann es für mich „zu spät“ war, sie sagte also nicht: „Um 22 Uhr musst du zurück sein!“ Ich durfte also für mein „Spät“ die Verantwortung übernehmen.

  • Warum ist es für Eltern so schwierig zwischen Macht und Verantwortung zu unterscheiden?

Jesper Juul:
In diesem Beispiel mit dem Jungen, der nicht schlafen gehen wollte – da haben die Eltern Verantwortung wie Macht behandelt. Und sie haben gemeint, wenn sie ihrem Sohn ab und zu etwas mehr Macht einräumen, könne man ihnen nichts mehr vorwerfen. Hätten sie ihn als verantwortliche Person anerkannt, dann wären sie auch frei gewesen, zu sagen, was sie persönlich davon halten, dass er so spät ins Bett geht: „Ich meine, du bleibst zu lange auf. Du solltest vor Mitternacht ins Bett gehen.“ Ich lasse ihn also wissen, was ich denke, und er kann mir nun mitteilen, was er denkt. So teilen wir die Verantwortung und haben einen gleichwertigen Dialog, in dem sich keine Gewinner-Verlierer-Situation einstellt.

Mediation

Für welchen andere Konflikt,
ist dieser Konflikt die Lösung?

Was ist, wenn der Konflikt die Lösung ist? Schaut man sich die Statistik der Ehescheidungen an, dann ist die Trennung und Scheidung ein Lösungsansatz.

Im weiten Ozean der Methoden ist die Mediation eine strukturelle Form der Lösung von Konflikten. Wie es unterschiedliche Segelschiff gibt, Jollen und Katamarane, so gibt es unterschiedliche Ansätze Konflikte zu lösen. Die einen bevorzugen den Katamaran, die anderen eine Jolle. Dem einen wird beim Tempo des Katamarans übel, der andere kann nicht genug davon haben.  Welcher Ansatz für wen der passende ist, ist auch eine Frage des persönlichen Geschmacks und der Mentalität.

Die Mediation ist keine Meditation, d.h. kein Sparziergang und es ist auch keine Wunderwaffe. Es gibt Konflikte die nicht mit der Mediation zu schlichten sind, weil eine tieferliegende Beziehungsdynamik zu Grunde liegt. Zentrales Ziel der Mediation ist das Erreichen einer „Win-Win-Situation„, d.h.
am Ende der 10 Sitzungen gibt es keine Gewinner oder Verlierer. Dieses Prinzip wird am Bild der Teilung einer Apfelsine unter 4 Kindern verdeutlicht.

Wie viele Möglichkeiten gibt es die Apfelsine unter den Kindern aufzuteilen? Wenn alle dasselbe wollen, alle das Fleisch, dann wird für jeden einzelnen wenig übrig bleiben. Wenn sich die Kinder im Vorfeld einigen, was denn jeder von der Apfelsine haben will, was er für die Befriedigung seiner Bedürfnisse möchte, kann sich das Bild der Teilung sehr schnell ändern. Der eine will die Kerne, der andere das Fruchtfleisch, der nächste die Schale und der aller nächste nur den Saft. Das ist ein klassisches Beispiel einer Win-Win-Situation, wie es die Mediation anstrebt.Wichtig und zentral steht bei der Mediation, dass alle Schritte vom ersten Tag bis zur Verabschiedung einer Vereinbarung schriftlich festgehalten werden. Man darf zu recht sagen, ein nicht schriftlich fixiertes Vermittlungsergebnis, ist nicht Ergebnis einer Mediation.  Die beteiligten Parteien bekommen das protokollierte Ergebnis am Ende jeder Sitzung ausgehändigt.

In der Mediation  finden die streitenden Parteien mit Hilfe eines überparteilichen Vermittlers (Mediators) ihre Win-Win-Situation. Der Mediator ersetzt nicht den Rechtsanwalt und gibt auch keine Rechtsberatung*. Viele Fachanwältinnen des Familienrechts sind auch als Mediatorinnen tätig. Mediation ist keine Paar- oder Eheberatung. Psychologen und Familienberater in den Erziehungsberatungsstellen sind weitere Fachrichtungen und Institutionen die Mediation praktizieren.
Der Mediator führt durch die Phasen der Mediation (Mediationsphasen). Eine Sitzung kostet, je nach Mediator, zwischen 75 – 180 €, insgesamt sollten die Parteien mit 10 Sitzungen rechnen.

  • Sie haben Fragen dazu, dann stellen Sie die bitte im Kommentarbereich.
  1. Woran erkennen ich eine gute Mediation
  2. Welche Kommunikationsregeln kennt die Mediation?
  3. Wo sind die Grenzen der Mediation?
  4. Was ist, wenn die Mediation scheitert, scheitert dann auch jede weitere Konfliktlösung?
  5. Was hat der Mediator für eine Ausbildung?
  6. Kann jeder Mediation in Anspruch nehmen?
  7. Ist die, in der Mediation vermittelte Vereinbarung rechtlich bindend?
  8. Wo finde ich einen Mediator?
  9. Wie viel Mediations-Sitzungen sind normal?
  10. Was gibt es für Formen der Mediation?