Auffälliges Kind? Sind Sie auch schon einmal aufgefallen?

via @Jesper Juul

Stimmt dieser Satz? Auffälliges Kind? Sind Sie auch schon einmal aufgefallen? Ich hoffe es für Sie!

Mir fällt da eine Geschichte ein: Ich wurde im Frühjahr von einer Kindergartenleiterin gefragt, ob ich mir nicht einmal ein Kind anschauen könnte, ein Kind über das die Erzieher oft sprechen, weil es auffällt. Der Junge, 4 Jahre alt sei aggressiv, würde die anderen Kinder immer wieder beißen und verletzen. Ein Hooligan?, fragte ich mich und habe mich an einem Vormittag eine Stunde ins Außengelände der Kita gesetzt und die Kinder und den Bub beobachtet. Was soll ich sagen, ein Alpha-Typ, der jeden wegbeißt der ihm ins Gehege kommt, der eine klare Vorstellung hat, der seine Ziele sieht und sie verfolgt. Der nicht daneben steht und zuschaut, wie so manches Häschen – kurzum ich beobachtet einen Auffälligen, einen von den Erziehern markierten Bub und sah 20 unauffällig. Ich fragte mich, sollten wir uns nicht um die anderen kümmern? Wieso sie daneben stehen, sich nicht trauen auf den Ball zu dreschen, oder ihr Spiel durch zu ziehen?

Auffälligkeit entsteht im Auge des Betrachters. Was haben wir erkannt, was gesehen – haben wir den Durchblick? Keinen Blick für den anderen zu haben, bedeutet nichts für ihn zu empfinden, er/sie fällt uns selbst nicht auf und es fällt uns nicht auch nichts dazu ein. Kinder SIND NICHT! Kein Kind ist, mehr oder weniger auffällig – es ist was es ist. Ein sich selbst verwirklichendes Individuum, auf der Suche nach Lebenslust. Kinder kooperieren und gestalten, sich einbringen und teilhaben. Was können sie nicht alles aus einer Klopapierrolle machen?!

Was bemerken wir, wenn wir hinschauen? Wir erkennen das, was in uns resoniert. Wenn wir was bemerken, dann weil es zuvor gemerkt wurde, in uns, wie ein Blaupause existiert. Können wir das Gegenteil denken, von dem was wir sehen? Das ist auf jeden Fall die Voraussetzung dafür aus der Beobachtung mehr zu machen, als eine Bestätigung von Vorurteilen.

Wenn wir beobachten, wo schauen wir hin? Sehen wir alles? Was fällt uns schon auf – die Talente der Kleinen, aber auch nur wenn wir einen Blick für Talente haben? Kennen wir denn unsere eigenen Talente? „Du siehst nur, was du kennst!“

Darum sind eine „second opinion“ und das Co-Therapie/Beratungs-Modelle so wichtig und notwendig. Verlass dich nicht auf eine Meinung, sagt mir meine Großmutter schon in Kindertagen, weil ich in der Schule auffällig wurde.
Ein Test, ist ja auch kein Test! Doch wir sind nicht bereit dafür die nötigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Lieber alles simplifizieren, besser eindimensional – wieviel Unsinn in der Diagnostik gemacht wird, offenbart sich, wenn die Meinung eines Zweiten eingeholt wird.

Mir graut vor den ganzen Privatpraxen und den einsamen Cowboys/girls! Standard sollte sein, bevor wir ein Kind diagnostisch erfassen, dass zwei unabhängige Meinungen eingeholt werden. Das Intake-Verfahren sollte das berücksichtigen, bevor wir ein therapeutisch-pädagogisches Konzept auf ein Kind niederprasseln lassen und es mit unserer Fixierung stigmatisieren. Wir haben zwei Augen und fünf Finger und nicht ein Auge und einen Finger – wie sollten wir auch begreifen können, was ist, wie es ist! Oder?

Sagen Sie mir Ihre Meinung dazu!

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Jesper Juul: Eigenverantwortung

Wie können wir die Eigenverantwortung unserer Kids stärken?

Weshalb ist es für Eltern so schwierig zwischen Macht und Verantwortung zu unterscheiden?

Folgendes Interview, mit dem von mir sehr geschätzten Jesper Juul, gibt meines Erachtens plausible Antworten auf die beiden Fragen.

Jesper Juul lenkt die Aufmerksamkeit wieder einmal auf unsere innere Haltung, d.h. wie wir unserem Kind begegnen. Die Fragen sind Eltern vertraut, denn wir stellen sie uns jeden Tag auf das Neue. Wir werden immer wieder im Alltag aufgefordert hierzu Stellung zu beziehen. Eltern wollen ihre Kinder schützen, wollen, dass es ihnen besser geht, als es ihnen ergangen ist. Viele Eltern gehen davon aus und wer klennt das nicht, dass bestimmte Entwicklungen in bestimmten Zeitfenstern stattfinden muss. Dieses „Müssen“ kann dann schnell in ein „Zwingen“ münden, in ein Gehetztsein, indem die Kinder und auch die Eltern die getrieben sind. Oft genug endet das in Überforderung und Blockade.

(full Text via familylab.de)

Jesper Juul:
Ich wurde mal von einer Mutter konsultiert, die mir dann schlichtweg sagte: „Was in ihrem Buch steht, ist nicht richtig! Sie müssen das korrigieren! Wir haben einen neunjährigen Jungen und wir müssen jedes Mal mit ihm kämpfen, damit er ins Bett geht, um am nächsten Tag ausgeschlafen in die Schule zu gehen. Und dann habe ich ihr Buch gelesen, in dem steht, dass wir den Kindern die Verantwortung überlassen sollten, wann sie ins Bett gehen und wie viel sie essen wollen. So haben wir beschlossen, dass wir es ihm überlassen, wann er sich schlafen legt, wenn wir in unserem Wochenendhaus sind – in den Ferien oder am Wochenende. Aber auch da geht er nicht vor zwei oder drei Uhr in der Früh ins Bett – also es funktioniert nicht!“
So wie diese Mutter denken die meisten Menschen über die Verantwortung nach. Aber die persönliche Verantwortung ist nicht etwas, was man dem Kind manchmal einräumt und manchmal nicht! Entweder hat es sie oder es hat sie nicht! Der kleine Junge kann sie nicht nur am Wochenende haben und den Rest der Zeit nicht. Denn so wird aus Verantwortung Macht.

Für mich war es wesentlich und wirklich ein großes Geschenk, das mir meine Mutter gemacht hat – bestimmt aus Versehen, denn sie hat, wie alle Mütter aus der Zeit, an strikte Regeln geglaubt: Als ich mit 13-14 Jahren anfing, auszugehen, sagte mir meine Mutter: „Komm nicht zu spät nach Hause!“ – Sie ließ mir also den Raum, zu entscheiden, wann es für mich „zu spät“ war, sie sagte also nicht: „Um 22 Uhr musst du zurück sein!“ Ich durfte also für mein „Spät“ die Verantwortung übernehmen.

  • Warum ist es für Eltern so schwierig zwischen Macht und Verantwortung zu unterscheiden?

Jesper Juul:
In diesem Beispiel mit dem Jungen, der nicht schlafen gehen wollte – da haben die Eltern Verantwortung wie Macht behandelt. Und sie haben gemeint, wenn sie ihrem Sohn ab und zu etwas mehr Macht einräumen, könne man ihnen nichts mehr vorwerfen. Hätten sie ihn als verantwortliche Person anerkannt, dann wären sie auch frei gewesen, zu sagen, was sie persönlich davon halten, dass er so spät ins Bett geht: „Ich meine, du bleibst zu lange auf. Du solltest vor Mitternacht ins Bett gehen.“ Ich lasse ihn also wissen, was ich denke, und er kann mir nun mitteilen, was er denkt. So teilen wir die Verantwortung und haben einen gleichwertigen Dialog, in dem sich keine Gewinner-Verlierer-Situation einstellt.